"Sich die Hände schmutzig machen", ca. 1940 - 2012 (Auszug)



Bei der Leseprobe tauchte die Frage auf, inwiefern Agentenfilme der 40er Jahre für „Die schmutzigen Hände“ ein Vorbild waren. Der erste Teil des folgenden Textes weist das gewissermaßen zurück, der zweite Teil bejaht dies auf die eine oder andere Weise. [...]

II. FIKTION
Es gibt allerdings auch eine ganz andere Weise, „Die schmutzigen Hände“ zu lesen, als auf seinen historischen oder dokumentarischen „Gehalt“. „Die schmutzigen Hände“ spielen in einem fiktiven Staat namens „Illyrien“. Nun gibt es zwar tatsächlich ein historisches antikes „Illyrien“, und „Illyrien“ war auch zeitweise eine Bezeichnung für das, was später Jugoslawien genannt wurde, allerdings nicht 1948 – doch im Namen „Illyrien“ klingt auch „Lyrik“ mit negativer Vorsilbe an – Illyrien wäre dann also das „Nicht-lyrische-Land“. Was Illyrien allerdings ebenso wenig zur „Wirklichkeit“ machte. Als Hoederer die Buchsammlung von Hugo durchsucht, findet er neben Marx und Hegel auch Poesie. „Marx, Hegel, sehr schön. Eliot, Lorca, nie gehört.“ Willkommen in Il-Lyrien: Hegel und Marx sind „schön“, und t. s. Eliot und Lorca unbekannt.

Bei Sartre ist ein Großteil des Stückes (geradezu filmisch) eine zeitliche Rückblende. Hugo erzählt Olga die Geschichte „warum er es getan hat“. Nun ist Erinnerung eine unzuverlässige Sache – und einige Details des Stückes scheinen darauf hinzudeuten, dass es das Stück mit der Wirklichkeit an manchen Stellen nur so genau nimmt, wie ein Wachtraum (zu nennen wäre die Penetranz, mit der jede Zeitangabe mit „Zehn“ versehen wird – der erste Anschlag soll um zehn stattfinden, die Arbeit bei Hoederer beginnt für Hugo um zehn, er ist schon zehn Tage bei Hoederer – und so weiter). Folgt man den Zeitangaben des Stückes, dann endet der Krieg durch den Einmarsch der Alliierten im Jahr 1948.

[...]

In „Die schmutzigen Hände“ spielt das Radio Kriegsnachrichten, ansonsten erscheint eine Untergrundzeitung, deren „News“ ein, zwei Wochen alt sind. Und der Erfolg einer Operation wird per Telefon oder durch einen Boten überbracht. Schon das markiert unsere historische Distanz zum Stück. Heute twittert ein pakistanischer Informatiker von ungewöhnlichen Fluggeräuschen in Attoabad, die Helmkameras der Navy-Seals übertragen Live-Bilder von eben dort, kurz darauf wird nicht der Live-Stream, sondern ein Photo davon veröffentlicht, wie Präsident Obama und seine Mitarbeiter der Mission auf den Bildschirmen folgen, welche mit der Tötung Osama bin Ladens endete. Das Photo ist offi- ziell retuschiert, weil auf ihm sonst Akten zu sehen wären, die als geheim klassifiziert sind. Später heißt es, und zwar von Hillary Clinton, das Photo sei sowieso nachgestellt.

Krieg, Aufstand und Attentat sind medial geworden – und zwar auf mindestens dreifache Weise:

Erstens: Es gibt keinen Krieg, keinen Aufstand und kein Attentat ohne Bilder, ohne Medien. Nach dem Tod des ägyptischen Bloggers Khaled Said, der von Polizisten verschleppt und zu Tode geprügelt wurde – es gab keine Bilder –, verbreiteten ägyptische Aktivisten Videos, in denen Khaled Said nicht zu sehen, dafür aber ein ägyptisches Trauerlied zu hören war – so wird selbst die Abwesenheit von Bildern zu einem medialen politischen Ereignis.

Zweitens: Krieg, Aufstand und Attentat zielen auch immer auf ihr Bild in der medialen Öffentlichkeit ab – ganz gleich, ob ein besonders sauberer Krieg gezeigt werden, eine spektakuläre Protestaktion oder ein Anschlag durch sein Bild besonders verstörend wirken soll (das World Trade Center in New York hatte keinen „strategischen“ Wert – es sei denn, in einer Strategie der Bilder). Kaum ein Anschlag ohne Bekennervideo, im Netz veröffentlichte Scripts und Manifeste der Attentäter. Kein Anschlag ohne Bilder einer Handykamera, ausufernde Theorien im Netz und Erklärungen der Tat durch Experten.

Drittens: Krieg, Aufstand und Attentat kennen wir aus der medialen Berichterstattung darüber, aber ebenso und mehr noch aus Kino, Fernsehen usw. Man kann das Protokoll des geheimen Gestapo-Verhörs Georg Elsers, der im Münchener Bräuhaus versuchte, Hitler zu töten, im Internet nachlesen – aber man kann sich auch den Film angucken, in dem Georg Elser von Klaus Maria Brandauer gespielt wird. Der Terrorist Carlos sitzt in einem französischen Gefängnis, derzeit wird ihm ein weiterer Prozess gemacht – zugleich gibt es ein mehrteiliges Bio-Pic im Fernsehen und Kino vom französischen Regisseur Olivier Assayas. Dort kann man sich auch die Erstürmung und Geiselnahme der opec in Wien ansehen. Das Bild von Wien nach dem Zweiten Weltkrieg kennen wir aus Orson Welles’ „Der dritte Mann“. Die dokumentarischen Bilder von der Befreiung des Konzentrationslagers Sokolov hat Samuel Fuller (als Kamermann) aufgezeichnet. Wer sich den D-Day in der Normandie ansehen will, kann vom gleichen Fuller (als Regisseur) den Spielfilm „The Big Red One“ anschauen – ein Kriegsfilm, der ob seines Realismus’ nach Interventionen des amerikanischen Militärs erst zwanzig Jahre nach Produktionsbeginn fertig gestellt wurde. Hitler kommt bei einem Anschlag in einem Kino in Paris zu Tode – jedenfalls in Tarantinos „Inglourious Basterds“. Osama bin Laden streckte schon 2002 in den afghanischen Bergen die Waffen (und schwang das Tanzbein), dank Eminem, der d12 Crew, Freedom of Speech und Battle-Rap. „But you feel so guilty without me.“ Aber auch Filme, die nicht oder nur vage „vor historischem Hintergrund“ spielen, gehen in unser Wissen ein: Kein „Stirb langsam“-Film ohne Terroranschlag, kein „Bourne“ ohne Mehrwissen von Geheimdiensten, Attentätern und Tötungstechniken. Mehr noch: Die Tower des World Trade Centers sind schon mindestens zweimal vor dem 11. September 2001 zerstört worden, einmal durch Aliens in „Independence Day“ (1996), einmal durch den allgemeinen Weltuntergang in „Armageddon“ (1998). „Am Anfang war Bild, und erst dann kam der Schauder des Realen. Gleichsam eine zusätzliche Fiktion, eine Fiktion, welche die Fiktion übertrifft.“

Und noch einmal mehr: Die Maske Guy Fawkes, eines antirepublikanischen Attentäters im 16. Jahrhundert, dessen Scheitern alljährlich am „Bonfire-Day“ in England gefeiert wird, ist via eines Comics und gleichnamigen Films „V wie Vendetta“ gleichsam zum „Gesicht“ des Hacker-Kollektivs „Anonymous“ und dann zu dem eines Teils der Occupy-Bewegung geworden. Der „Nationalsozialistische Untergrund“ setzt in sein Bekennervideo die anarchische, französische Comicfigur „Pink Panther“ ein, die einem Kinovorspann entsprungen ist; Al-Kaida-Propagandavideos werden mit der Musik aus dem Hollywoodfilm „Titanic“ hinterlegt; entsprechend ist das Che-Guevara-T-Shirt ein Modeartikel wie jeder andere.

„Der Dramatiker hält den Menschen das eidos ihrer Alltagsexistenz vor Augen: Er zeigt ihnen ihr eigenes Leben so, als sähen sie es von außen.“ eidos, ein Begriff aus der Phänomenologie, der auf Aristoteles und Platon zurückgeht, heißt etymologisch nichts anderes als „das zu sehende“.

Die Verdrehungen, Überkreuzungen und Verschiebungen lassen sich klarer fassen, wenn man sie als „Montagen“ oder „Collagen“ begreift. Was ist eine Collage? In einer Collage werden disparate Elemente nebeneinander gestellt – und genau aus dieser Nebeneinanderstellung etwas Neues hergestellt. Was ist eine Montage? „Einfach etwas in Verbindung bringen, die Dinge zueinander in Beziehung setzen, damit man sie sieht.“ „Die Spiele mit den Rhythmen, die Zitattransplantationen, die Einschübe, der Tonlagenwechsel, die Wechsel der Sprachen, die Kreuzungen zwischen den ‚Disziplinen‘ und den Regeln der Kunst, der Künste.“

Der Direktor des Wiener Filmmuseums Alexander Horwath attestiert eine „lange Tradition des Generalverdachts gegenüber dem Lachen (und dem allzu auffälligen Weinen) ...“, die „kaum Sinn für die komplexeren Kräfte hat, die in der Unterhaltung wirken können: ... die List, die Aufl ehnungen des Alltags, die Strategien individueller Wunscherfüllung, die Freude an der Illusion und daran, sie gleichzeitig als Trug zu durchschauen. Zumindest im Alltagsgebrauch ist komisch nicht nur ein Begriff für das Lustige, sondern auch für das, was nicht zu „stimmen“ scheint, was nicht übereinstimmt mit den Angaben der herrschenden Ideologie ...“

Pierre Bourdieu hat 1979 unter dem Titel „Die feinen Unterschiede“ eine umfangreiche soziologische, auch empi rische Studie vorgelegt, ein „Modell der Wechselbeziehungen der ökonomisch-sozialen Bedingungen und der Lebensstile“. Es geht ihm darin um die eigene Logik und Ökonomie kultureller Güter. In der (wenig rezipier-ten) Nachschrift zu dieser Studie analysiert er, wie für den ästhetischen „reinen Geschmack“ die (philosophische) Ästhetik den „unreinen Geschmack“ abweist, sich vor ihm ekelt, alles Leichte fundamental ablehnt: die Hingabe an die unmittelbare Empfindung, im Sinne von „einfach“, „ohne Tiefe“, „billig“, „oberfl ächlich“, „reißerisch“ – die „oberfl ächlichen Effekte“, „die grelle Eleganz eines bestimmten journalistischen Stils“ – „die „vulgären Werke stellen ... eine Beleidigung des Kenners dar“.

All dem liegt soziale Distinktion, „das Bemühen um Markierung eines Unterschieds zugrunde“, „alle (zu einem bestimmten Zeitpunkt für solche gehaltenen) minderen Formen intellektueller (oder künstlerischer) Tätigkeit zu verbannen.“

„Sich die Hände schmutzig machen“, hieße dann formal, ins Volle zu greifen in all die minderen Formen intellektueller oder künstlerischer Tätigkeiten – „gewöhnliche Gegenstände, banale Verweise, platte Darstellungsweisen“ oder „triviale Probleme“ (zum Beispiel: Ist das Dargelegte wahr?) – zu montieren, rückzublenden und aufzuprojizieren, Journalismus neben Jux und Blog neben Bloch und Hongkong-Kino neben Husserl zu stellen, damit „es“ „zu sehen“ ist.

„Die Kultur vermag nichts und niemanden zu erretten, sie rechtfertigt auch nichts. Aber sie ist ein Erzeugnis des Menschen, worin er sich projiziert und wiedererkennt; allein dieser kritische Spiegel gibt ihm ein eigenes Bild.“


___

Staatsschauspiel Dresden

Die schmutzigen Hände
von Jean-Paul Sartre

Premiere am 26. November 2011 | Kleines Haus 1

Hoederer: Wolfgang Michalek
Hugo: Stefko Hanushevsky
Olga: Antje Trautmann
Jessica: Annika Schilling
Louis, Slick, Karsky: Thomas Eisen
Iwan, Georges, Der Regent: Torsten Ranft
JP: Thomas Braungardt
Regie Simon Solberg
Bühne Maren Greinke
Kostüm Katja Strohschneider
Musik Roman Keller
Video Valerie Korth
Licht Björn Gerum
Dramaturgie Ole Georg Graf

Weitere Vorstellungstermine: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/home/die_schmutzigen_haende/termine/